Dissoziative Störungen: Definition, Symptome und Therapien

Was bedeutet „dissoziative Störung“?

Dissoziative Störungen sind psychische Störungen, bei denen Wahrnehmung, Erinnerungen, Identität oder das Bewusstsein zeitweise voneinander getrennt erlebt werden. Für Betroffene kann dieser Zustand mit deutlichen Veränderungen im Gefühl für den eigenen Körper, mit Amnesie, Depersonalisation oder einem veränderten Erleben von Ereignissen verbunden sein.

In diesem Ratgeber erfahren Sie, was dissoziative Störungen sind, wie sich Symptome äußern, welche Ursachen zugrunde liegen können und wie die Behandlung von dissoziativen Störungen aussieht.

Definition: Was ist eine dissoziative Störung?

Die Bezeichnung dissoziative Störungen dient per Definition als Oberbegriff für psychiatrische Krankheitsbilder, bei denen es zu einer krankhaften Abspaltung von normalerweise zusammenhängenden psychischen Funktionen kommt. Betroffen sein können unter anderem Bewusstsein, Erinnerungen, Wahrnehmungen des eigenen Körpers oder das Erleben der eigenen Identität.

Dissoziationen sind grundsätzlich nicht ungewöhnlich. Auch im Alltag können psychisch gesunde Menschen zeitweise in Gedanken versunken sein oder ihre Umgebung nur eingeschränkt wahrnehmen. Von einer dissoziativen Störung spricht man jedoch erst dann, wenn diese Abspaltungsprozesse deutlich ausgeprägt sind, wiederholt auftreten und das Erleben der eigenen Person oder von Ereignissen nachhaltig verändern.

Dissoziative Störungen beziehen sich somit auf einen anhaltenden psychischen Zustand, bei dem innere Vorgänge nicht mehr integriert verarbeitet werden können. In der medizinischen Klassifikation werden diese Erkrankungen unter den dissoziativen Störungen im ICD-10 geführt und klar von alltäglichen, vorübergehenden Bewusstseinsveränderungen abgegrenzt.

Arten von dissoziativen Störungen

Dissoziative Störungen umfassen unterschiedliche Krankheitsbilder, die sich darin unterscheiden, wie stark das Erleben von Bewusstsein, Erinnerungen, Körperwahrnehmung oder Identität verändert ist. Die folgenden Formen werden in der klinischen Praxis unterschieden:

Welche Formen von Dissoziationen gibt es?

Dissoziative Amnesie

Bei der dissoziativen Amnesie verlieren Betroffene vorübergehend den Zugang zu Erinnerungen, häufig in Bezug auf belastende oder traumatische Ereignisse. Der Gedächtnisverlust lässt sich nicht durch eine organische Ursache erklären.

Dissoziative Fugue

Die dissoziative Fugue ist eine besondere Form der dissoziativen Amnesie. Der Begriff „Fugue“ bedeutet „Flucht“ und beschreibt einen Zustand, in dem Betroffene ihre gewohnte Umgebung verlassen und sich zeitweise nicht an ihre Identität oder an frühere Lebensabschnitte erinnern können. Nach dem Ende der Fugue kehren sie meist in ihr vorheriges Umfeld zurück, erinnern sich jedoch häufig nicht an die Zeit des Zustands. Die Dauer kann von wenigen Stunden bis zu mehreren Tagen reichen.

Dissoziative Identitätsstörung

Die dissoziative Identitätsstörung gilt als die ausgeprägteste Form einer dissoziativen Störung und war früher auch als „Multiple Persönlichkeitsstörung“ bekannt. Dabei ist das Erleben der Identität in verschiedene Anteile gegliedert, die sich deutlich voneinander unterscheiden können. Diese Identitätsanteile verfügen über eigene Erinnerungen und Verhaltensweisen und wechseln sich im Bewusstsein der Person ab. In einzelnen Fällen unterscheiden sie sich im erlebten Alter oder Geschlecht.

Depersonalisation und Derealisation

Bei dieser Form erleben Betroffene sich selbst oder ihre Umgebung als fremd oder unwirklich. Der eigene Körper, Gefühle oder Empfindungen werden verändert wahrgenommen, obwohl das Realitätsbewusstsein grundsätzlich erhalten bleibt. Viele Betroffene beschreiben ein Gefühl innerer Distanz zu sich selbst oder zur Umwelt, ohne den Bezug zur Realität zu verlieren.

Dissoziative Bewegungsstörungen

Diese Form äußert sich durch Einschränkungen der Bewegung, etwa Lähmungen oder Koordinationsstörungen, ohne dass eine körperliche Ursache festgestellt werden kann. Die Bewegungsfähigkeit ist dabei funktionell beeinträchtigt, obwohl Muskeln und Nerven intakt sind. Dissoziative Bewegungsstörungen werden den Konversionsstörungen (funktionelle neurologische Störungen) zugeordnet.

Dissoziativer Stupor

Beim dissoziativen Stupor zeigen Betroffene eine ausgeprägte Einschränkung von Bewegung, Sprache und Reaktionsfähigkeit. Sie wirken nach außen kaum ansprechbar, obwohl keine organische Ursache vorliegt. Das Bewusstsein ist dabei nicht vollständig aufgehoben, sondern durch einen schweren dissoziativen Zustand stark eingeschränkt.

Dissoziative Anfälle

Dissoziative Anfälle ähneln epileptischen Anfällen, treten jedoch ohne neurologische Ursache auf. Sie sind Ausdruck einer psychischen Dissoziation und werden daher den dissoziativen Störungen zugeordnet.

Ursachen: Wie entstehen dissoziative Störungen?

Ursachen von dissoziativen Störungen.

Dissoziative Störungen entstehen häufig im Zusammenhang mit überwältigendem Stress oder stark belastenden Ereignissen, bei denen das seelische Verarbeiten an Grenzen stößt. In solchen Situationen kann die Dissoziation als Schutzmechanismus wirken, indem bestimmte Gefühle, Erinnerungen oder Wahrnehmungen vorübergehend vom Bewusstsein getrennt werden. Diese Reaktion kann kurzfristig entlastend sein, sich jedoch bei wiederholter oder anhaltender Belastung verfestigen.

Ein Einflussfaktor bei der Entstehung kann ein frühes traumatisches Erlebnis sein, etwa schwere Vernachlässigung oder Gewalt in der Kindheit. Solche Erfahrungen erhöhen das Risiko für dissoziative Krankheitsbilder, führen jedoch nicht zwangsläufig zu einer Erkrankung. Ob sich dissoziative Störungen entwickeln, hängt von vielen individuellen Faktoren ab, darunter persönliche Bewältigungsstrategien, emotionale Stabilität und unterstützende Beziehungen. Die psychische Verarbeitung belastender Erfahrungen ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Was sind Symptome einer dissoziativen Störung?

Die Symptome von dissoziativen Störungen betreffen vor allem das Zusammenspiel von Wahrnehmung, Bewusstsein, Erinnerungen und Identität. Welche Symptome auftreten, hängt auch von der Art der dissoziativen Störung ab und kann in Ausprägung und Verlauf deutlich variieren.

Überblick über mögliche Symptome dissoziativer Störungen:

  • Amnesie: Betroffene können sich nicht an persönliche Ereignisse oder Zeitabschnitte erinnern, wobei der Gedächtnisverlust deutlich über normales Vergessen hinausgeht.
  • Depersonalisation: Es entsteht ein anhaltendes Gefühl innerer Distanz zum eigenen Körper, zu Gedanken oder Empfindungen, als würde man sich selbst von außen beobachten.
  • Derealisation: Die Umwelt wird als fremd, unwirklich oder verändert wahrgenommen, obwohl das Realitätsbewusstsein erhalten bleibt.
  • Identitätsstörungen: Das Erleben der eigenen Identität kann unsicher oder fragmentiert sein, mit wechselnden inneren Zuständen oder Rollen.
  • Zeitverlust und verändertes Zeitempfinden: Zeitabschnitte werden als lückenhaft erlebt oder können im Nachhinein nicht eingeordnet werden.
  • Fugue-Zustände: Betroffene entfernen sich vorübergehend aus ihrer gewohnten Umgebung und haben anschließend keine Erinnerung an diesen Zeitraum.
  • Bewegungs- oder Empfindungsstörungen: Es treten Einschränkungen von Bewegung oder Wahrnehmung auf, ohne dass eine körperliche Ursache festgestellt werden kann.
  • Dissoziative Anfälle: Anfallsartige Zustände mit Kontrollverlust ähneln epileptischen Anfällen, lassen sich jedoch nicht neurologisch erklären.
  • Trance- oder stuporöse Zustände: Das Bewusstsein kann stark eingeschränkt sein, sodass Betroffene kaum reagieren oder sich bewegen können, obwohl keine organische Ursache vorliegt.

Diagnose: Wie wird eine dissoziative Störung festgestellt?

Die Diagnose einer dissoziativen Störung basiert vor allem auf einem ausführlichen Gespräch mit Ärztinnen und Ärzten oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Dabei werden Symptome, mögliche Erinnerungslücken, Veränderungen von Bewusstsein, Identität und Wahrnehmung sowie belastende Ereignisse in der Lebensgeschichte erfasst.

Ergänzend können spezielle Fragebögen oder strukturierte Interviews eingesetzt werden, um Symptome von dissoziativen Störungen wie Amnesie, Depersonalisation oder Derealisation genauer einzuordnen. Weitere körperliche oder neurologische Ursachen werden durch passende Untersuchungen ausgeschlossen. Die diagnostische Zuordnung erfolgt anhand anerkannter Kriterien für dissoziative Störungen nach dem ICD-10.

Wie behandelt man eine dissoziative Störung?

Wie behandelt man dissoziative Störungen?

Therapie von dissoziativen Störungen

Die Behandlung von dissoziativen Störungen richtet sich nach der jeweiligen Form, der Ausprägung der Symptome und der individuellen Situation der Patientinnen und Patienten. Ziel ist es, die Dissoziation besser einzuordnen, belastende Zustände zu verringern und die psychische Stabilität zu fördern. Die Behandlung erfolgt in der Regel in mehreren Phasen und wird an das aktuelle Befinden der betroffenen Person angepasst.

Ein Bestandteil ist die Therapie durch spezialisierte Fachkräfte, häufig im Rahmen einer stationären oder ambulanten Behandlung. Eine medikamentöse Behandlung kann begleitend eingesetzt werden, wenn zusätzlich andere psychische Störungen wie depressive Beschwerden oder Angstzustände vorliegen. In einer spezialisierten Klinik für dissoziative Störungen werden die verschiedenen Behandlungsansätze individuell aufeinander abgestimmt.

Psychoedukation

Psychoedukation bedeutet, dass Patientinnen und Patienten verständlich über dissoziative Störungen informiert werden. Dabei erhalten sie Informationen über typische dissoziative Zustände, mögliche Veränderungen von Bewusstsein, Erinnerungen und Empfindungen sowie über den Verlauf der Erkrankung.

Im Rahmen der Therapie unterstützt Psychoedukation dabei, eigene Erfahrungen besser einzuordnen und Zusammenhänge zu erkennen. Ein tiefgreifendes Verständnis der Dissoziation kann entlastend wirken und dazu beitragen, Sicherheit im Umgang mit den eigenen Beschwerden zu gewinnen. Dadurch entsteht eine Grundlage für die weiteren Schritte der Behandlung.

Symptomreduktion

Bei der Symptomreduktion geht es darum, die dissoziativen Symptome zunächst so zu verringern, dass Patientinnen und Patienten wieder mehr Stabilität und Sicherheit im Alltag erleben. Das ist besonders relevant, wenn Dissoziation, Amnesie, Depersonalisation oder Anfälle so stark auftreten, dass eine weiterführende Therapie für die dissoziative Störung sonst kaum möglich wäre.

Je nach Beschwerden können dafür unterstützende Maßnahmen eingesetzt werden, zum Beispiel körperorientierte Verfahren wie Krankengymnastik oder Ergotherapie, wenn Bewegung oder Körperwahrnehmung im Vordergrund stehen. Medikamente können bei der Behandlung der dissoziativen Störung begleitend eingesetzt werden, wenn zusätzliche psychische Störungen oder ausgeprägte Belastungen bestehen.

Psychotherapie

Die Psychotherapie ist der Kern der Behandlung bei dissoziativen Störungen. Sie hilft, die eigenen dissoziativen Reaktionen besser zu verstehen, Stabilität im Alltag aufzubauen und belastende Erlebnisse schrittweise zu verarbeiten. Je nach Ausprägung können Einzelgespräche und Gruppenangebote kombiniert werden, bei Bedarf auch in einer speziellen Klinik für dissoziative Störungen.

Viele Behandlungsansätze der Psychothrapie sind dabei phasenorientiert aufgebaut und folgen einem klaren Ablauf:

  1. In der ersten Phase steht Stabilisierung im Vordergrund, damit Sie sich körperlich und psychisch sicherer fühlen und wieder mehr Einfluss auf Spannungszustände, Dissoziation und das eigene Bewusstsein bekommen.
  2. In der zweiten Phase werden belastende, oft traumatische Erfahrungen behutsam aufgearbeitet, damit abgespaltene Erinnerungen und Gefühle eingeordnet und verarbeitet werden können.

Dissoziative Störungen in den Kliniken der St. Augustinus Gruppe behandeln lassen

Die Behandlung von dissoziativen Störungen erfordert ein ganzheitliches therapeutisches Konzept, das sowohl die dissoziativen Symptome als auch mögliche begleitende psychische Störungen berücksichtigt. In den Kliniken der St. Augustinus Gruppe erfolgt die Therapieplanung individuell und in enger Abstimmung mit einem interdisziplinären Team aus Fachpersonen der Psychiatrie, Psychotherapie und weiteren medizinischen Bereichen.

Diese enge Zusammenarbeit ermöglicht es, Dissoziation, Amnesie, Veränderungen von Bewusstsein oder Identität gezielt zu behandeln und gleichzeitig begleitende Belastungen wie Angststörungen oder Depressionen zu erkennen und in das Behandlungskonzept einzubeziehen.

Nach einer sorgfältigen Diagnostik wird für jede Patientin und jeden Patienten ein individueller Therapieplan erstellt. Im Fokus steht dabei, Stabilität im Alltag aufzubauen, dissoziative Zustände zu reduzieren und den Umgang mit belastenden Erlebnissen zu verbessern. Ziel ist es, die Selbstwahrnehmung und Handlungsfähigkeit schrittweise zu stärken und die Lebensqualität nachhaltig zu fördern.

Behandlung bei der St. Augustinus Gruppe

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